Meinung: Pflege ist Schwerarbeit? Nur auf dem Papier.
Pflege gilt in Österreich seit letztem Jahr als Schwerarbeit. Entlastung für Pflegekräfte gibt es dadurch aber kaum. In einem Kommentar zeigt die diplomierte Kranken- und Gesundheitspflegerin Carolin Astner auf, warum das so ist.
Nach einem Dienst kann ich mich kaum mehr bewegen. Das ist kein Ausnahmezustand – sondern oft Arbeitsalltag bei uns Pflegekräften. Wir hetzen von Aufnahme zu Entlassung, legen Katheter, messen Blutdruck, reagieren auf Alarme, verteilen Medikamente. Wir heben Menschen aus dem Bett, unter die Dusche und wieder zurück. Und gleichzeitig hören wir den Patient_innen zu, beruhigen sie und sind für sie da. Zum Durchatmen bleibt keine Zeit. Nur Druck. Nur Stress. Den ganzen Tag.
Nach einem dieser Dienste kam ich nach Hause und wusste: So kann es nicht weitergehen! Dieses System macht uns kaputt – körperlich und psychisch. Also habe ich die Petition “Pflege ist Schwerstarbeit” auf mein.aufstehn.at gestartet. Die Forderung: Anerkennung für unseren Beruf – und echte Entlastung. Der Zuspruch war überwältigend, fast 200.000 Menschen haben die Petition unterschrieben. Das zeigt: Es geht wirklich vielen so wie mir.
Entlastung: Fehlanzeige!
Nach Gesprächen mit Politiker_innen, Presseterminen und etlichen E-Mails kam im Mai 2025 die große Ankündigung: Pflege wird als Schwerarbeit anerkannt. Pflegekräfte haben jetzt mit 60 einen Anspruch auf Schwerarbeiterpension. Klingt gut. Ist es aber nicht. Denn in der Realität bringt dieses neue Gesetz den meisten von uns nichts. Um von der Schwerarbeit zu profitieren, müssen Pflegekräfte 45 Jahre in Vollzeit arbeiten. Eine Voraussetzung, die an der Realität des Berufs völlig vorbei geht.
Dazu kommt: Die Pflege ist weiblich – 87 Prozent von uns sind Frauen. Und für viele endet die Arbeit nicht nach dem Dienst. Zuhause warten Kinder, Haushalt, Angehörige. Teilzeit zu arbeiten ist die einzige Möglichkeit, das alles irgendwie zu schaffen. Gleichzeitig reduzieren auch viele Männer und Pflegekräfte ohne Kinder ihre Arbeitszeit, weil sie den Beruf sonst langfristig nicht durchhalten. Damit ist ein großer Teil der Beschäftigten vom neuen Gesetz nicht erfasst.
Aber selbst Vollzeit arbeiten reicht nicht: Das neue Pflegestudium endet frühestens mit 21 – wer dann 45 Jahre arbeitet, ist 66. Also im regulären Pensionsalter. Früher aufhören? Ausgeschlossen.
Ein Jahr warten ist genug
Ein Jahr ist vergangen, seitdem die Regierung verkündet hat: Pflege ist Schwerarbeit. Doch bei der Umsetzung hat sie versagt. Was uns versprochen wurde, ist damit nichts anderes als ein Etikett. Schwerarbeit steht jetzt im Gesetz – aber erleichtert nicht unser Leben. Der heutige Tag der Pflege ist kein Anlass für Danksagungen und Applaus, sondern für politische Konsequenzen. Was es jetzt braucht: Eine Schwerarbeiter_innen-Regelung, von der wirklich alle Pflegekräfte erfasst sind.
Über Carolin Astner
Carolin Astner ist diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin in Tirol. Im Frühling 2022 startet sie auf mein.aufstehn.at die Petition “Pflege ist Schwerstarbeit”. Seitdem setzt sie sich für bessere Arbeitsbedingungen in der Pflege ein. Hier geht es zur Petition:
Carolins Gastkommentar wurde am 13. Mai in der Tiroler Tageszeitung veröffentlicht. Hier kannst du ihn lesen.